Statt-Theater|Kaspar Geiger
«Steht auf» 

Szenische Versuche nach dem Roman «Empörung» von Philip Roth 

«Wo warst du? Warum warst du nicht zu Hause? Kannst du mir nicht sagen, wo du hingehst, wenn du das Haus verlässt? Du bist jung und hast eine grossartige Zukunft vor dir – wie soll ich wissen, dass du nicht irgendwo hingehst, wo du getötet werden könntest?» Aus: Philipp Roth, «Empörung» (2008)

Philip Roth greift in seinem Roman von 2008 die Traumen seiner Generation auf, der Generation Amerikas, die vor dem Vietnamkrieg jung war, der Generation von vor «1968». Was bedeutet das Schicksal von Marcus Messner für eine Generation, die nach dem Mauerfall geboren ist, deren Eltern und Erziehungsstil durch die permissive Zeit der 70er und 80er Jahre beeinflusst, wenn nicht geprägt worden ist? «Kuschelpädagogik», nicht autoritäre Prinzipienreiterei, lautet heute der generelle Vorwurf an die Elternhäuser und Bildungsstätten. Gegen welche gesellschaftlichen und politischen Paranoien oder familiären Zwänge muss sich die «Pampers-Generation», müssen sich die heutigen Marcusse wehren, die kaum mehr mit harter Arbeit im väterlichen Betrieb ihre ersten Lebenserfahrungen sammeln müssen, sondern deren Bemühen um Selbstverwirklichung von den Eltern unterstützt und von den Bildungsinstitutionen gefördert wird? Welche Traumen drücken sie, wenn sie schlaflose Nächte durchwälzen?

Marcus wurde dem Kampf gegen die Nordkoreaner, die Chinesen, die Kommunisten geopfert. Es sind die Widersprüchlichkeiten, die die Welt des frühen Kalten Krieges prägten, an denen sich Marcus über den Tod hinaus reibt und die seine ohnmächtige, da hilflose  Empörung auslösen. Die Welt von heute, die so anders zu sein scheint, ist aus diesen Widersprüchen hervorgegangen. Die Geschichte und damit auch die Fehlurteile der Zeit des Kalten Krieges mögen von Historikern aufgearbeitet und erkannt worden sein, in den Machtverhältnissen auf der Welt sind sie noch tief eingeschrieben. Wenige der heute ausgetragenen gewaltsamen Konflikte sind nicht auf die Konstellation des Kalten Krieg zurückzuführen. Man denke nur an den «Global War On Terror», dem demokratisch gewählte Regierungen bedenkenlos Rechte und Freiheiten ihrer eigenen Bürger opfern. Zweifellos sind viele beklemmende moralische Normen und Werte aus der Nachkriegszeit in den kulturellen Umwälzungen des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts geschleift worden. Hat aber weniger Bigotterie – oft auch «Werteverlust» genannt – zu einem Mehr an Orientierung geführt? Denken wir an Marcus: Wie vermutlich viele seiner Zeitgenossen konnte er nicht verstehen, dass eine wohl erzogene junge Frau nicht nur sexuelles Begehren empfand, sondern es auch ausleben wollte. Stünde er heute nicht ebenso verwirrt und orientierungslos zwischen den gegebenen Verhaltensmustern eines Machos und eines politisch korrekten Frauenverstehers? Was ist die Rolle eines jungen Mannes heute? 

Der reale oder imaginierte Feind mag heute weniger konkret sein, als es die Befreiungsbewegungen und Armeen in den Stellvertreterkriegen des Kalten Krieges waren. Vielleicht muss sich ein junger Mensch heute den Bedingungen und Forderungen des «Marktes» und seiner CEOs, den zivilen «officers» oder Offizieren der heutigen Weltordnung unterordnen wie früher den Armeekommandanten, denn wenn sich der Markt keine neuen Territorien erobert und sichert, wähnt er sich dem Untergang geweiht. Paranoia prägt auch heute die Interpretation der Realität. Sich einen eigenen Marktwert sichern, ist zunehmend die einzige anerkannte Aufgabe von Bildung oder Ausbildung. Eine so volatile Macht wie der Markt mit seinen Bedürfnissen, schafft kaum mehr Sicherheit für die Gestaltung der eigenen Zukunft als die Mächte der Zeit von Marcus Messner. 22.11.2010 Hansjörg Stalder 

Idee, Konzeption: Kaspar Geiger, Fassung: Renata Burckhardt, Musikalische Leitung: David Wohnlich, Bühne: Michael Bouvard, Licht: Brigitte Dubach, Kostüme: Diana Ammann Maske: Anna Tschannen Grafik: Michael Bouvard, Regie-und  Produktionsassistenz: Johanna Rees, Produktionsleitung: Rajasekaran Yogarajah, Fachberatung: Hansjörg Stalder, Regie und Gesamtleitung: Kaspar Geiger, Spiel: Maya Yogarajah, Sereina Eisele,  Adrian Furrer, Anja Becher, Jan Tex Mumenthaler, Laila Schneebeli, David Schröder, Jonas Darvas.

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Mit freundlicher Unterstützung von kulturelles.bl, Doms Stiftung, GGG, Basellandschaftliche Kantonalbank.