Neu ab Januar 2010

Roxy Hörbalkon

In den 1980er Jahren gab es in den Englisch Lehrbüchern immer wieder kleine Kapitel mit der Überschrift «listening comprehension», und tauchte ein solcher Kapitelkasten mal wieder unvermittelt beim Umblättern auf, war die Vorfreude vorprogrammiert. Denn damit war klar, dass unser fremdsprachenkompetenter Lehrkörper weite Teile der Stunde damit zubringen würde, sich mit der Handhabung eines überdimensionierten, scheinbar aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts stammenden Abspielgeräts vertraut zu machen. Verkabelung, schneller Vorlauf, zu weit, schneller Rücklauf, etc. – es war die Zeit der Magnetbänder und des unvermeidlichen Kabelsalats.
Nach Überwindung dieses Aufstands der Dinge konnte man vermeintlich muttersprachlichen Engländern dabei zuhören, wie sie – völlig affektiert und mit dem dramatischen Potential eines gescheiterten Laurence Olivier – den aktuellen Unterrichtsstoff vorsprachen.
Aus Gründen wie diesen oder auch wegen des nachhaltigen Booms des Hörbuchs gibt es auf der Galerie im Roxy-Foyer ab Januar den Hörbalkon. Auf dem Hörbalkon haben Sie Zugriff auf ein Archiv gesprochener belletristischer und kulturwissenschaftlicher Texte, Vorlesungen und Diskussionen, die wir Ihnen auf einem iPod kostenlos zum Anhören zur Verfügung stellen. Dieses Archiv füllt sich sukzessive mit den Texten, die eingespeist werden. Damit soll im Roxy ein Ort der Debatte und der Auseinandersetzung mit künstlerischen Fragen jenseits der Aufführung entstehen. Gerne nehmen wir auch Ihre Vorschläge für neue Texte auf und freuen uns auf Ihre Anregungen und Ideen per Email an buero‎@‎theater-roxy.ch.

Der erste Beitrag auf dem Hörbalkon präsentiert einen Vortrag des amerikanischen Künstlers Paul Chan. Am New Yorker P.S.1, der Aussenstelle des MoMA für aktuelle Kunst, sprach Chan am 30. April 2008 über den «Spirit of Recession» und artikulierte eine kritische Haltung gegenüber der aktuellen Wirtschaftslage und ihre Zusammenhänge mit verschiedenen Dispositiven des amerikanischen Alltags zur Zeit. Er vergleicht die aktuelle Rezession mit der letzten wirtschaftlichen Rezession der USA während des Irakkriegs Anfang der 1990er Jahre. Im Verlauf seines Vortrags betont Chan strukturelle Analogien im soziokulturellen und ökonomischen Umfeld – etwa die Verwandtschaft der jeweils amtierenden Präsidenten oder die Verselbstständigung des militärisch-industriellen Komplexes.  Äpfel und Birnen – oder ein ergiebiger kulturwissenschaftlicher Vergleich? Die Aufzeichnung schliesst das anschliessende Q & A mit dem Publikum ein.
Paul Chan ist einer der interessantesten amerikanischen Gegenwartskünstler. Seine Arbeiten bewegen sich bewusst zwischen den Genres und reichen über Malerei, Video, Installation zu Theateraufführungen. Grösseres Medieninteresse erreichte er mit seiner ortspezifischen Inszenierung von «Warten auf Godot» in New Orleans – kurz nach der Zerstörung der Stadt durch den Hurrikane Katrina. Seinen Arbeiten unterliegt oft eine politische Implikation, so dass er gerne auch als «activist artist» bezeichnet wird. Eine Zuweisung, der sich Chan explizit verweigert. Seine politischen Aktionen wie etwa «The People’s Guide to the Republican National Convention» will er strickt getrennt sehen von seinen künstlerischen Arbeiten.