Oktober 2008

Basel braucht eine Tanzbewegung

Christoph Meury (Theater Roxy) und Carena Schlewitt (Kaserne Basel) im Gespräch

Meury: Du hast für die Vorbereitung des Tanztage 08-Programms die Tanzszene Schweiz neu kennen gelernt. Gibt es Differenzen zu deinen bisherigen Erfahrungen mit der internationalen, oder deutschen Tanzszene?

Schlewitt: Ich habe erst begonnen, die Schweizer zeitgenössische Tanzszene kennen zu lernen und habe auch noch kein vollständiges Bild. Bisher habe ich den Eindruck gewonnen, dass man in der Schweizer Tanzszene ebenso wie in der deutschen oder internationalen Szene verschiedene Ästhetiken, Tanzsprachen und künstlerische Positionen findet.
Ich würde den Unterschied der Schweizer zur internationalen Szene in dem Anspruch, sich als Szene zu formulieren, sehen – und auch in der Auseinandersetzung über die Arbeit. In den letzten Jahren hat international ein Diskurs stattgefunden über verschiedene Formen im Tanz, z.B. über Tanztheater, Konzept-Tanz, Tanz und Bildende Kunst, Tanz und Ballett. Eine solche Auseinandersetzung fördert die Weiterentwicklung des zeitgenössischen Tanzes innerhalb der Szene. In der Schweiz positionieren sich die einzelnen Gruppen oder Choreografen eher individuell statt sich als Tanzszene insgesamt oder innerhalb der einzelnen Richtungen zu formulieren. Sicherlich wurden in den letzten Jahren Netzwerke geschaffen, wie z.B. das Projekt Tanz der Pro Helvetia oder das Netzwerk Reso Danse. Aber ich denke, es müsste eine stärkere Position aus der Szene heraus sichtbar werden, ein Diskurs über zeitgenössischen Tanz, Kooperationen, Netzwerke, ein verstärktes gegenseitiges Wahrnehmen der Arbeiten. Nicht zuletzt spielt dabei die Einbeziehung des Publikums, auch der ganz Jungen, und die Vermittlungsarbeit eine wesentliche Rolle.

Du bist seit langem ein treuer Unterstützer der Basler Tanzszene. Wenn Du einmal im Gegenzug die Basler Verhältnisse mit den gesamtschweizerischen Verhältnissen vergleichst: welche Abweichungen erkennst Du im Vergleich zu anderen Orten und (neben finanziellen Aspekten), was würdest Du Dir für die Förderung der lokalen Szene wünschen, strukturell, programmatisch, kulturpolitisch?

Meury: Der künstlerische Tanz hat in den letzten Jahren in der Schweiz einen starken Aufschwung erlebt. Dabei ist eine äusserst vielfältige und lebendige Tanzszene entstanden. Diese Szene ist stark geprägt durch die Entwicklung in den Zentren Genf, Lausanne, Bern und Zürich. Tanz ist sehr stark ein urbanes Phänomen, respektive er findet dort den richtigen Nährboden und sein adäquates Publikum. Basel möchte hier mithalten. Ihm fehlt aber der Motor, welcher durch starke und eigenwillige Compagnies (z.B. Lausanner Choreografen Philippe Saire und Maurice Béjart), durch Festivals (Berner Tanztage), durch Tanzhäuser (Tanzhaus Wasserwerk in Zürich), oder Ausbildungsmöglichkeiten und starke Theater- und Tanzhäuser (z.B. Dampfzentrale und Theaterhaus Gessnerallee) geprägt ist. Auch die BL/BS-Tanzförderung konnte bis dato nicht als eigenständige und aktive Partnerschaft reüssieren. Trotzdem gibt es einige Protagonisten, welche Willens sind, den Tanz als Kunstform zu prägen und sich im Tanz zu behaupten.
Vermutlich ist die kritische Masse hier in Basel einfach noch nicht erreicht, um eine Tanzbewegung entstehen zu lassen. Die Kräfte und das Know-how der professionellen Tänzerinnen und Tänzer müssten sich bündeln, dann könnte ich ihnen eine veritable Zukunft voraussagen. Spannende Projekte gibt es alleweil.

Nimmst du Basel als Tanzstadt wahr?

Schlewitt: Als Tanzstadt sicher nicht – es gibt das Ballett des Theaters Basel, verschiedene Initiativen im Bereich Tanz, die IG Tanz, einige freie Tanzcompagnien, die beiden Festivals «Basel tanzt» und «Basler Tanztage» und natürlich dein Engagement mit dem Roxy. Ich empfinde aber all diese Einzelteile nicht als eine Tanzstimmung im Sinne einer Bewegung. Ich denke, Basel und die einzelnen Mitspieler könnten noch mehr für den Tanz tun. Natürlich braucht eine solche Entwicklung Zeit. Wichtig finde ich, über die Festivals und das Ballett hinaus Räume und Möglichkeiten für Gäste – national wie international – zu öffnen und Kooperationen anzuregen. Das Verhältnis von grossen Gastspielen, den jüngeren Choreografen, Gruppen und der lokalen Szene sollte kontinuierlich entwickelt werden. Das könnten verschiedene Formen sein: angefangen von Residencies über Workshops, eine Tanz-Akademie von Profis für Kinder, ein Tanz-Kongress, thematische Reihen, z.B. Tanz/Bewegung/Choreografie und Architektur.

In den beiden Produktionen von Be Willie und Beweggrund, die bei Dir Premiere haben, wird Tanz mit nichtprofessionellen Darstellern/Tänzern kombiniert. Wie siehst Du das Verhältnis von „Alltagsspezialisten“ zum Tanz?

Meury: Die Alltagsspezialisten sind quasi das Salz in der Suppe. Sie stehen mit ihrem Ausdruck, mit ihrer Körperlichkeit und mit ihrer Direktheit für die Idee, für den Inhalt des Stückes. Sie sind eine Bereicherung, weil sie extrem ernsthaft und authentisch sind.

Schlewitt: Im Gegensatz dazu gibt es aber auch eine Entwicklung, die den Tanz immer mehr Richtung Theater und Performance verschiebt, die Schnittbereiche zum theatralen oder performativen Moment werden weicher. Wie ziehst Du die Grenze zur Performancekunst, gibt es für Dich Grenzbereiche, wenn Du beispielsweise an deine beiden letzten Produktionen denkst?

Meury: Die Performancekunst von Tabea Martin & Matthias Mooij, aber auch von Cornelia Huber, ist quasi künstlerische Feldforschung. Hier werden Fragestellungen künstlerisch ausgelotet. Der Tanz, das Theater werden zum grossen Labor. Solche Anlagen sind wichtig und eine Bereicherung.
Allerdings (und hier macht sich der Skeptiker breit) darf diese Forschungsarbeit nicht zum Selbstzweck werden. Ich verstehe solche Arbeiten als Zwischenstation für die weitere künstlerische Suche und Arbeit. Früher oder später soll solches Forschen und Ausloten als Erfahrung in Gruppenprojekte und grössere Arbeiten eingebracht werden.

Welche Qualitäten und Bereicherungen erhoffst du dir durch die Verbindung mit dem Festival «Culturescapes Türkei» von Jurriaan Cooiman?

Schlewitt: Tanz ist ein Genre, das sehr stark international, also geografisch grenzüberschreitend, wirkt. Die Ballett-Compagnien sind international besetzt und die Produktionen zeitgenössischer Tanzcompagnien sind meist an verschiedene internationale Häuser gebunden. Wenn ich also über die Entwicklung der lokalen oder Schweizer Tanzszene spreche, beziehe ich gedanklich von vornherein die internationale Szene mit ein. Es sollte normal sein, dass auch internationale Künstler in Basel produzieren.
In dem Fall der beiden türkischen Tanzgastspiele von Aydin Teker und Taldans aus Istanbul finde ich den Diskurs zwischen den Schweizer Tanzcompagnien und den türkischen Gruppen spannend, also die Frage: wo gibt es Anknüpfungspunkte, Differenzen z.B. in der Arbeit mit dem Raum, in der Position des Tänzers, im Umgang mit Abstraktion? Ich freue mich auf Begegnungen zwischen den Szenen. Wir haben auch einen Workshop mit Taldans für lokale Künstler angesetzt und Taldans selber hat die Möglichkeit, den Tanzfaktor kennen zu lernen. Gespannt bin ich auf die Entwicklungen, die in den Tanzfaktor-Arbeiten der jungen Szene zu sehen sein werden.

Meury: Es ist offensichtlich, dass die jungen Tänzerinnen und Tänzer, Choreografen und Choreografinnen beim Tanzfaktor ausserordentlich fleissig, kreativ und fantasievoll sind. Der Querschnitt durch die Schweizer Tanzszene beweist dies eindeutig und eindrucksvoll. Trotzdem ist zu beobachten, dass es in der Schweiz nur eine Handvoll Gruppen gibt, welche die Möglichkeit haben kontinuierlich und unter professionellen Bedingungen zu arbeiten. Einsteigerprojekte gibt es viele: Tanzfaktor, Carte blanche, 12 Minuten Max., etc. Längerfristig müssen aber Bedingungen geschaffen werden, welche zu Gruppenbildungen führen und welche den neuen Compagnies eine Produktionssicherheit garantieren und ein kontinuierliches künstlerisches Schaffen ermöglichen. Geld ist da auch wichtig, aber nicht alles.

Schlewitt: Welchen Künstler/Tänzer/Choreografen würdest Du in dein Haus einladen, sollten Geld, Format, Raumgrösse und technische Ausstattung keine Rolle spielen?

Meury: Ich würde das Ensemble Anatolii Zalevskyi (Choreografie: Yury Vagin) einladen. In der Choreografie von Yury Vagin werden eindringliche tänzerische Bilder des Tanzensembles «Rizoma» aus Kiew mit sensationeller Artistik konfrontiert, clowneske Szenen mit experimentellem Tanz. Ein Rausch der Sinne ohne Anfang und Ende: Visuell, modern, frech und erotisch. Dieses hedonistische Vergnügen würde ich mir leisten. Auch Akram Khan und Co. wäre eine Option.

Schlewitt: Und was war für Dich mit Abstand die interessanteste Tanzproduktion?

Meury: Alain Platel mit Les Ballets C. de la B. ist eine Compagnie, welche mich schon immer fasziniert hat. In seiner letzten Produktion «VSPRS» bearbeitet Alain Platel, einer der renommiertesten zeitgenössischen Choreografen, die Marienvesper von Monteverdi. Platel und seine Tänzer stellen in «VSPRS» die Welt von Autisten, Tourette-Kranken und Psychiatriepatienten dar und erforschen Verhaltens- und Bewegungsmuster von Menschen, die in einer isolierten Welt leben. Das wäre auch eine Produktion, die das klassische Ballettpublikum interessieren dürfte.

Was könnte nach Deiner Meinung ein Ballettpublikum an dem Programm der Tanztage 08 interessieren? Wo verbindet sich der zeitgenössische Tanz mit dem Ballett?

Schlewitt: Zum einen wird ja ein Ballettpublikum heute auch mit zeitgenössischem Tanz konfrontiert. Choreografen wie Sidi Larbi Cherkaoui oder William Forsythe arbeiten mit klassischen Ballettcompagnien. Und einige Choreografen der freien Szene von heute werden sicher in einigen Jahren von Ballettcompagnien für Choreografien angefragt werden. Ich sehe aber auch, dass die Ästhetiken des freien zeitgenössischen Tanzes Einfluss auf das Ballett an den Stadttheatern haben. Ausserdem beobachte ich die Tendenz der zeitgenössischen grossen Tanzfestivals, Ballett zu zeigen, wenn dieses innovativ neue Tanzsprachen aufgreift.

Meury: Ergänzend würde ich behaupten, dass wir beide die interessantesten Arbeiten aus der Schweizer Tanzszene für die Tanztage 08 zusammengetragen haben. Dabei geht es aber nicht nur um eine Show der Besten, sondern es sollen auch Arbeitsprozesse, Entwicklungen und Erstkreationen gezeigt werden. Ich bin gespannt, wie das Programm dieses Jahr beim Basler Publikum ankommt und freue mich auf das Festival.