August 2008
Das Kino Roxy
Nur 15 Jahre nach der Eröffnung von Küchlins Variété-Theater in Basel gab sein Besitzer Josef Adelmann den Auftrag für den Neubau eines modernen «Lichtspieltheaters» in Birsfelden. Mit der Aufgabe wurde der Architekt Wilhelm Zimmer beauftragt, der für den damals neuen Bautypus eine Kombination von Wohnhaus mit rückwärtigem Saalanbau entwarf. Ladenlokale im Eingangsbereich, eine Werkstatt und Wohnungen in den Obergeschossen wurden so zu einem kleinen Wohn-, Geschäfts- und Unterhaltungszentrum zusammengefasst und garantierten die finanzielle Absicherung des doch risikoreichen Betriebes eines Lichtspieltheaters. Am 2. Februar 1927 öffneten die «Lichtspiele Birsfelden» ihre Tore. Der erdgeschossige Saal konnte sowohl für die Lichtspiele genutzt wie auch für Theateraufführungen umgebaut werden. Im Jahr 1950 kaufte Max Gass-Seitz das Unternehmen, der wenige Jahre später eine Modernisierung einleitete und den Namen «Kino Roxy» einführte. Der Name Roxy, damals wie heute sehr verbreitet, ist der Übername eines amerikanischen Showbusinesskönigs, der 1927 das damals grösste Kino in New York eröffnete.
Unter dem neuen Besitzer wurden auch grösseren Umbauten vorgenommen. Das beauftragte Architekturbüro Bercher + Zimmer führte 1954 eine neue Gestaltung der Eingangspartie, den Einbau eines dem Saal vorgelagerten Foyers, die Erstellung einer Estrade sowie der Ersatz der Eingangstreppe durch eine steile Rampe durch. Diese Änderungen, insbesondere der Eingangspartie, prägen noch heute das Erscheinungsbild. Zu einem späteren Zeitpunkt wurden die einfach verglasten Fenster der Wohnungen durch doppelt verglaste Fenster ohne Sprossen ersetzt und die zeittypische Fassadendekoration überstrichen. Das Kino blieb bis 1986 im Familienbesitz und wurde zu diesem Zeitpunkt an die Neuapostolische Kirche verkauft. 1994 wechselte die Liegenschaft erneut ihren Besitzer. Bis heute ist der Verein Kulturraum Roxy Eigentümerin und bietet ein Kulturprogramm mit den Schwerpunkten Sprechtheater und Tanz an.
Ein Kino als eigenständiger Bau ist eine Bauaufgabe, die um 1900 auf die Architekten zukam. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden die «Lichtspiele» auf Jahrmärkten, in Schaubuden, Speisesälen oder in Panoramagebäuden vorgeführt. Aufgrund des grossen Erfolges dieser Vorführungen hat man sich zu festen Einrichtungen entschlossen. In einer ersten Phase sind Kinosäle in bereits bestehende Geschäfts- und Warenhäuser eingebaut oder bestehende Theatersäle für die Filmvorführung umgebaut worden. Wahrzeichen dieser Kinos waren in erster Linie der Kinosaal mit aufwendigen Dekorationen sowie die Eingangsfassade, die als Schauwand mit Lichtreklamen geschmückt war. Das Kino wurde zur urbanen Bauaufgabe, ohne einen charakteristischen Bautypus herauszubilden.
Das Kino Roxy in Birsfelden ist eines der ganz wenigen frühen Landkinos in der Schweiz. Der Architekt kombinierte das Volumen eines Saales mit einem mehrgeschossigen Geschäftshaus. Die Idee eines kleinen Wohn-, Geschäfts- und Unterhaltungszentrums lehnt sich stark an den mit dem Kino verbundenen urbanen Charakter an, ohne jedoch eine weitere städtische Entwicklung des Dorfes zu bewirken. Bis heute bleibt der frei stehende Kinozweckbau ohne konkrete Einbindung in das Ortsgefüge und erreicht dadurch eine markante Stellung an der Hauptverkehrsachse.
Der längsrechteckige Baukörper - bestehend aus einem vorgelagerten, viergeschossigen Wohn- und Geschäftshaus mit Walmdach und einem rückwärtigen, flach gedeckten Saalbau - stösst mit seiner Schmalseite an die Muttenzerstrasse. Der Saalbau, das gegen die Birs abfallende Terrain aufnehmend, wird von einer erdgeschossigen Werkstatt und weiteren Nebenräumen unterfangen. Dieses Untergeschoss wird von Fenstern auf der Nordseite belichtet, die unter dem Bodenniveau liegen. Eine Treppe längs der Nordfassade führt zu einem weiteren Eingang. Der strassenseitige Bau weist beidseitig des mittigen Haupteingangs Ladengeschäfte auf, deren oberes Galeriegeschoss über eine Wendeltreppe erreichbar ist. In den beiden oberen Geschossen des Wohn- und Geschäftshauses sind zwei 41/2-Zimmer-Wohnungen sowie im Dachgeschoss eine 51/2-Zimmer-Wohnung un-tergebracht, die über ein separates Treppenhaus auf der Nordseite zugänglich sind.
Vom Haupteingang schreitet man auf einer abfallenden Rampe zum breitrechteckigen Foyer mit Toilettenanlagen, das dem eigentlichen Kinosaal vorgelagert ist. Auf der Nordseite des strassenseitigen Baus befindet sich das Treppenhaus, welches zu den Wohnungen in den beiden Obergeschossen führt. Der Eingang ist überdacht, das Gewände mehrfach gestuft und die Haustür, eine massive Rahmenholztür mit quer liegenden Glasfeldern, stammt aus der Bauzeit. Das mächtige, fast zwei Geschoss hohe Sockelgeschoss wird auf der Strassenseite durch die dreiteilige Eingangspartie aufgebrochen. In der Mittelachse befindet sich der Haupteingang mit weit auskragendem, elegantem Vordach, das seitlich über die beiden Ladenschaufenster hinaus bis an die Fassadenecken geführt wird. Unter dem trapezförmigen, gegen vorn abgerundeten Vordach springt die Fassade zurück und bildet Raum für einen halbovalen, gedeckten Vorplatz, von welchem die beiden seitlich angelegten Ladenlokale betreten werden können. Das Vordach mit seinen eleganten Proportionen wie auch die zweiflüglige Eingangstür stammen aus dem Umbau von 1954. Die in schmalen Eisenrahmen gefassten Schaufenster, Glaswände wie auch die mit waagrechten Glasfeldern durchbrochenen Eisentüren der Ladenlokale sind aus der Bauzeit von 1927. Die einstige Lichtreklame ROXY ist abmontiert und wird im Hause aufbewahrt. Das Sockelgeschoss ist strassenseitig mit hochrechteckigen Marmorplatten verkleidet und wird durch ein breites, waagrechtes Band vom übrigen Baukörper getrennt. Dieses Band korrespondiert mit der Dachhöhe des Saalbaus und wird um diesen herumgeführt.
Die Fensteröffnungen der beiden Obergeschosse sind übereinander angeordnet und werden in leicht zurückgesetzte, senkrechte Felder gesetzt. Durch diese strenge, lineare Anordnung erscheint das Bild einer für die damaligen Theaterfassaden typischen Kolossalordnung. Die Fassadenfelder zwischen den Fenstern sind leicht erhaben und waren ursprünglich mit einem einfachen Rahmendekor geschmückt. Die Fensteröffnungen zeigen ein Brüstungsgitter mit einem zeittypischen Ornament. Teilweise sind die originalen Holzrollläden noch vorhanden. Über dem kräftig vorspringenden Dachgesims erhebt sich das Dachgeschoss mit Dachaufbauten für die Dachwohnung. Der strassenseitige, dreiachsige Dachaufbau wird mit einem abgetreppten Schirm überhöht, während die Dachaufbauten auf den Schmalseiten keinen zusätzlichen Schmuck aufweisen. Die Regenwassersammler der Dachrinnen sind als kleine Kasten ausgebildet und kunstvoll verziert. Der rückwärtige Saalbau ist nüchtern als geschlossener Körper ausgestaltet. An der Westwand hat sich das Wandfeld der ersten Leinwand bis heute erhalten. Die erdgeschossigen Werkstätten sind an der Schmalseite über zwei zweiflüglige Tore erschlossen. Auf der Höhe des Bodenniveaus des Saales befinden sich auf der Westseite zwei Fluchttüren, welche auf eine umlaufende schmale Terrasse hinausgehen. Auf dem Flachdach befindet sich heute eine Dachterrasse. Das Treppenhaus zu den Wohnungen ist in seiner Ausgestaltung aus der Bauzeit erhalten geblieben. Besonders hervorzuheben sind die Rahmenzimmertüren mit Oblichtern aus der Bauzeit, die originale Raumstruktur, die profilierten Gipsdecken sowie Teile des ursprünglichen Linoleums.
Das Kino Roxy ist das erste Kino in unserem Kanton und leistet bis heute einen wesentlichen Beitrag zur Unterhaltungskultur. Der Architekt hat den damals neu geforderten Bautypus eines Lichtspieltheaters durch die Kombination eines gewalmten Wohn- und Geschäftshauses mit einem flachgedeckten Saalbau geschaffen und dieser wurde zum Vorbild für weitere Kinos auf dem Lande. Die Qualität der zeittypischen Architektursprache, die weitgehend original erhaltene Bausubstanz und Raumstruktur sowie die architekturgeschichtliche Bedeutung begründen den hohen Wert des Kinos Roxy als historischen Zeugen.
Im Lauf der Zeit
Am 2. Februar 1927 eröffneten die «Lichtspiele Birsfelden». Ladenlokale, Werkstatt und Wohnungen garantierten die finanzielle Absicherung des doch risikoreichen Betriebes eines Kinos. 1954 entstanden eine neue Eingangspartie, ein Foyer und eine Estrade. Heute bietet der Verein Kulturraum Roxy ein Programm mit Schwerpunkt zeitgenössischem Theater und Tanz.
Das Roxy-Gebäude wurde 1926 vom Architekten Wilhelm Zimmer als geschickte Kombination von Theater-, Geschäfts- und Wohnhaus gestaltet. Nachfolgend sei jedoch nur über das Lichtspieltheater geschrieben, das sich zwischen zwei Verkaufsläden befand. Es trug damals den Namen Lichtspiele Birsfelden und wurde am 2. Februar 1927 eröffnet.
Das Birsfelder Kino, mit einem Angebot von 576 Plätzen, war Eigentum der deutschbürtigen Familie Adelmann, die auch die Leitung des Theaters innehatte.
Vom neuen Kinotheater erwartete man nur Gutes, denn unter der Leitung von Direktor Josef Adelmann hatte sich seinerzeit auch das Küchlin-Theater zum ausgezeichneten Grossstadt-Variété entwickelt und während seiner Tätigkeit auch seine Glanzpunkte erlebt.
Nicht viele kannten die Wünsche, Neigungen und Launen des Publikums so gut wie Josef Adelmann, der das Lichtspieltheater bis zu seinem Tod im Jahre 1942 leitete und weit über die Birsfelder Grenze hinaus bekannt machte. Anschliessend wurde das Theater von seiner Frau Elisabeth weitergeführt.
1950 übernahm ihr Sohn Max Gass-Seitz das Unternehmen, das er im Jahre 1954, also 28 Jahre nach der Entstehung, wiederum nach neuesten Erkenntnissen und Erfordernissen umgestaltete. Auch der Name wurde geändert. Von nun an hiess das Lichtspieltheater Birsfelden Kino Roxy.
Um gegenüber den grossen Stadtkinos konkurrenzfähig zu bleiben, suchte man stets nach neuen Angeboten, um die Leute auch von Basel nach Birsfelden ins Kino zu locken. Man offerierte fürs gleiche Geld zwei Filme, wobei der erste stets ein Western, ein Horrorfilm oder ein Krimi war und der zweite Film ein Musik- oder Liebesfilm.
Nach Max Gass-Seitz' Ableben im Jahr 1968 leitete seine Frau Marianne das Unternehmen. 1983 übergab sie das Geschäft ihrem Sohn Max junior. Doch 1986 kam das Aus für das Kino Roxy. Der Druck der grossen Stadtkinos, das mangelnde Geld und natürlich auch das Fernsehen trugen dazu bei.
Das Gebäude wurde Eigentum der Neuapostolischen Kirche. Diese plante, im Kinoraum einen Gebetssaal einzurichten. Durch ein anderes Projekt in der Stadt Basel wurde dieser Plan aber wieder fallen gelassen. Der Kinoraum wurde in der Folge als Lagerraum für verschiedenste Materialien vermietet, zuletzt als Zementlager.
In den folgenden Jahren wurde das Gebäude kaum mehr beachtet. Die Leute gingen daran vorbei wie an jedem anderen beliebigen Haus. Kaum jemand machte sich Gedanken um den verloren gegangenen Kinoraum.
Doch 1994 gelang es dem zwei Jahre zuvor gegründeten Verein Kulturraum Roxy, das Gebäude zu kaufen, und noch im selben Jahr fanden die ersten Aufführungen statt.